Mathematik und die Wirtschaftskrise

In Le Monde gibt es heute einen Artikel über die Berechenbarkeit der Krise – und den Umgang mit mathematischen Formeln. Unter anderem wird bemängelt, dass die Formeln, mit denen in der Wirtschaft (allgemein gesagt) gerechnet wird, viel zu einfach sind, um die Vorgänge zu beschreiben. Zudem sind diejenigen, die diese Formeln benutzen, nicht in der Lage, schon diese einfachen Formeln richtig anzuwenden – und dazu gehört auch ihre Grenzen zu kennen.

Das erinnert mich an ein Skript zur Finanzmathematik, das ich neulich gelesen habe. Zur Finanzmathematik gibt es unglaublich unterschiedliche Texte. Die einen leiten die Zinseszinsformel auf 5 Seiten her und zeigen auf den nächsten Seiten, wie man diese zu den einzelnen Variablen umformt. Mit der Zinseszinsformel meine ich K_n = K_0 * (1+p)^n, wobei K_0 das Guthaben zu Beginn, K_n das Guthaben nach n Jahren und p der Zinssatz ist. Das ist also die Formel, die man in der 10. Klasse normalerweise lernt und den Umgang damit übt. In der 12. kann es dann passieren, dass der Lehrer über die stetige Verzinsung spricht. Das tauchte in diesem Skript nicht mehr auf. Was ich damit sagen möchte, ist, dass es für mich unglaublich ist, dass 10 Seiten für eine sehr einfache Formel, deren Herleitung und Umformung dem Stand der 10. Klasse entsprechen, in einem universitären Skript verwendet werden. Naja, <böser Seitenhieb> ist ja ein BWL-Skript gewesen</böser Seitenhieb>.

Dasselbe Thema „Finanzmathematik“ wird Mathematikstudenten anders präsentiert. Da tauchen Integrale neben Differenzialgleichungen auf, da ist ein Limes das I-Tüpfelchen einer Herleitung. Da benötigt man Matrizen und statistische Modelle. Die Ergebnisse sind so allgemein gehalten, damit sie auf verschiedene spezielle Probleme angewendet werden können, ohne ganz neue Formeln erstellen zu müssen. In gewisser Weise sind diese Formeln dynamisch. <böser Seitenhieb> Aber mancher BWLer ist überfordert, wenn sich etwas nicht sofort mit dem Taschenrechner lösen lässt.</böser Seitenhieb>

Wer ist jetzt der Kompetentere, der Formelkenner oder der Theoriekenner?

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One Response to Mathematik und die Wirtschaftskrise

  1. matheundso sagt:

    Die zwei Skripte könnten unterschiedlicher nicht sein und haben sicher beide ihre Berechtigung für unterschiedliche Zielgruppen. Wer von sich jedoch behaupten will, er habe ein „Grundverständnis“ in Finanzmathematik, solle meiner Meinung nach mindestens den Stoff einer typischen „Finanzmathematik-I-Vorlesung“ beherrschen. Die „Finanzmathematik-Formeln“ der BWLer fallen dann als Nebenprodukt mit ab.

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