Interpretationssache

Mein Freund schwärmt von „Lost“. Ich kann seine Freude nicht teilen, wenn wieder eine neue Folge ausgestrahlt wird. Schuld ist mein Englischlehrer. Und das Buch „Lord of the Flies“. Es begann alles ganz harmlos. Bis zur 12. Klasse hatten wir einen Lehrer, der zwar eine sehr eigene Meinung zu Lektüren hatte (i.e. Schülerwünsche zählten nicht), aber der verschiedene Meinungen zu den ausgewählten Büchern, häufig recht aktuelle Lektüre (Buddha of Suburbia, The hundred secret senses), gelten ließ.
Dann geschah das praktisch Unmögliche: Ausgerechnet zum letzten Schuljahr lagen alle drei Stunden des GK Englisch am Montag in den ersten drei Stunden einschließlich Frühstunde (!) und wir bekamen einen anderen Lehrer. Dieser wählte Lord of the Flies als für uns geeignete Lektüre aus.
Ich konnte mich schon nicht inhaltlich mit dem Buch anfreunden. Da landet eine Gruppe Jungs auf einer einsamen Insel und schafft es nicht, friedlich miteinander zu leben. Meine Meinung war damals: Wären Mädchen dabei gewesen, wäre das nicht passiert.
Wie dem auch sei, wir schrieben über dieses Buch eine Klausur. Eine Frage lautete in etwa: Was dachte sich der Autor, als er dieses Buch geschrieben hat? Ich verkniff mir eine Antwort der Form „Kann ich Gedanken lesen?“ und schrieb eine in meinen Augen treffende historische Interpretation. Ich war richtig zufrieden mit meinem Text. Um es kurz zu fassen, ich bekam für diese Aufgabe 0 Punkte. Der Kommentar lautete, ich hätte nicht die Interpretation geschrieben, die wir im Unterricht erarbeitet hatten. Ich war sauer, fand das Buch jetzt noch viel doofer als ich es ohnehin schon tat und arbeitete für das Fach ab da nicht mehr als nötig. Seitdem sind Strandungen auf einsamen Inseln ganz unten auf meiner Liste.

Aber es besteht noch Hoffnung, dass ich dieses Trauma irgendwann einmal überwinden werde. Wie mein Musiklehrer es beinahe geschafft hat, mir „Die Moldau“ zu verleiden, davon erzähle ich ein andermal. Es hat Jahre gedauert, bis ich das Stück wieder hören mochte. Aber inzwischen mag ich das Stück auf meine Art ganz gerne hören. Auch hier lag es an einer falschen (!) Interpretation.

An der Uni wurde im ersten Literaturseminar die Frage diskutiert, ob es die Interpretation gibt. Natürlich gibt es sie nicht, sie kann nur gut begründet sein. Ich fühlte mich zum ersten Mal richtig verstanden. Nicht dass ich generell etwas gegen Interpretationen habe, oder gegen Schullektüren.

Es gab da ja auch die guten Tipps. Heinrich Manns „Professor Unrat“ zum Beispiel. Oder Dürrenmatts Physiker (ich liebe dieses Stück!). Oder Hamlet. Eben jene Bücher, deren Inhalt durch vorsichtiges Herantasten an eine Interpretation umso interessanter wurde, nicht durch Aufstülpen einer vorgesetzten Interpretation. Das sind die Bücher, die ich jetzt hin und wieder gerne lese (oder zumindest einen besonderen Abschnitt daraus).

Aber ist es nicht erschreckend, dass ein Lehrer durch sein Verhalten ein Buch schlecht machen kann, obwohl das Buch möglicherweise gar nichts dafür kann? Du blätterst seine Seiten um, du schaust in sein Innerstes, es widerspricht dir nicht. Aber nur weil jemand dir sagt, dass du es nicht richtig verstehst, entwickelst du eine gewisse Abneigung zu diesem Buch, du magst es nicht mehr ansehen, geschweige denn in die Hand nehmen. Und es liegt einfach nur da in deinem Regal und bleibt stumm.

Irgendwann werde ich dich wieder lesen, Lord of the Flies. Ganz bestimmt!

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One Response to Interpretationssache

  1. Herr Rau sagt:

    Ich mag Lost nicht, aber den Herrn der Fliegen schon – es muss also noch mehr an Lost geben, das einen kalt lassen kann. Herr der Fliegen: habe ich als Schüler nie gelesen. Vermieste Schullektüren: Manche haben mir keinen Spaß gemacht, manche davon (Hemingway) habe ich danach für mich entdeckt, andere sind immer noch fade (Agnes Bernauer). Hatte aber nichts mit dem Lehrer zu tun. Allerdings kann ich mich auch nicht an so einen Käse erinnern wie „Was dachte sich der Autor?“.

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