Nachhilfeschüler

Rückgabe der Klassenarbeit, Besprechung mit der Klasse. Ein Schüler, dessen Note weit unter dem Klassendurchschnitt lag, hat seine Sachen nicht auf dem Tisch liegen und unterhält sich ungeniert mit seinem Nachbarn. Ich frage ihn, warum er denn nicht mitschreibe. Er: „Das mache ich nachher mit meiner Nachhilfe.“

Nachhilfe war früher ein Begriff, den man unter gesenktem Blick und mit rotem Kopf flüsternd dem Lehrer nannte. Nachhilfe ist heutzutage eine Freizeitbeschäftigung wie Fußballtraining oder Klavierunterricht. Das lässt vermuten, dass Unterricht so viel schwerer geworden ist, dass nun immer mehr Schüler Nachhilfe haben müssen. Mittlerweile ist er schon so schwer, dass mancher Schüler von der 5. Klasse bis zum Abitur Nachhilfe hat.

Hinter dem Begriff „Nachhilfe“ steckt ein Angebot zu außerschulischem Zusatzunterricht. Dabei soll der Schüler kurzfristige Defizite in einem oder mehreren Fächern aufarbeiten, um dann selbstständig dem Unterricht folgen zu können. Die Defizite können aus Problemen in der Familie, durch eine längere Krankheit oder aus einem schwachen Vorwissen zum aktuellen Thema entstanden sein.
Daneben gibt es die längerfristige Hausaufgabenhilfe, bei der die Schüler ihre Hausaufgaben machen und diese von erfahrenen Personen überprüft werden.

Häufig vermischen sich diese beiden Hilfen, so dass aus der Nachhilfe eine langfristige Hausaufgabenhilfe mit Tafelbild wird. Und hier setzt meine Beobachtung an: Sonst schwache Schüler melden sich bei den Hausaufgaben und tragen vollständig richtige Lösungen vor, können aber im Laufe der Stunde keinen weiteren Beitrag leisten. Oder sie folgen dem Unterricht nicht oder stören sogar, weil sie das Thema bereits in der Nachhilfe hatten oder es dann am selben Nachmittag noch erklärt bekommen werden. Also warum in der Schule aufpassen?

Gefährlich wirds, wenn der Schüler stört und beim Zurechtweisen meint, er verstehe hier doch eh nix, aber bei seinem Nachhilfelehrer schon, das müsse mir doch komisch vorkommen. Darauf entgegne ich, dass er dort als Einzelschüler auch keine Gelegenheit zum Stören habe. Aber das zeigt schon, in welcher Abhängigkeit der Schüler steckt. Er geht zur Nachhilfe, um dort zu verstehen und stört in der Schule, weil er dort nichts versteht, obwohl er verstehen könnte, wenn er es probierte. Aber der Erfolg durch die Nachhilfe ist zu verlockend.

Auch als Nachhilfelehrer begibt man sich in eine Abhängigkeit. Welcher Nachhilfelehrer fühlt sich nicht geschmeichelt, wenn sein Schützling strahlend sagt, „Und die 3- habe ich nur durch deine Hilfe und deine super Erklärungen bekommen!“ und gleich darauf bittet, doch die Berichtigung gemeinsam zu machen, weil er die Erklärungen nicht verstanden hat. Und da wären ja auch noch die Hausaufgaben… Schon wurde die Nachhilfezeit um einige Monate verlängert.

Eigentlich verdienen beide dadurch: der Nachhilfelehrer hat ein sicheres Einkommen, der Schüler eine fast sichere Garantie, versetzt zu werden. Doch beide sollten darauf achten, dass Nachhilfe darauf abzielt, möglichst kurzfristig den Schüler zu unterstützen und ihn beim Lernen zu helfen. Die beste Nachhilfe ist meiner Meinung die, in der Hausaufgaben und Berichtigungen tabu sind und losgelöst vom aktuellen Unterrichtsinhalt Lernmethoden und frühere Lerninhalte geübt werden, damit die Basis für den aktuellen Unterricht geschaffen ist. Schließlich wollen wir ja alle den Schüler zum selbstständigen Handeln erziehen und sich nicht von anderen Leuten abhängig machen lassen.

Welche Erfahrungen mit Nachhilfeschülern habt ihr im Unterricht gemacht?

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