Illusion und Wirklichkeit

Was Malerei betrifft, bin ich absolut unerfahren. Ich habe das Fach Bildende Kunst nach der 8. Klasse abgewählt und mich voll auf Musik konzentriert. Ich war der Überzeugung, dass ich nicht zeichnen kann (bin ich heute immer noch), was zusätzlich in einer 5 für einen gezeichneten Einzeller in Biologie resultierte. Außerdem, was sollten mir verschiedene Pinselstriche, ein Schatten oder ein bestimmtes Objekt, das sich neben der Hauptfigur im Bild befindet, sagen, wenn man doch nur eine Frau sieht? Also Kunst und ich liefen in entgegengesetzte Richtungen.

Dennoch besuchte ich im Rahmen eines Dresden-Aufenthalts die Sammlung alter Meister. Und neben vielen Frauen- und Männerportraits, ergänzt durch einige Stillleben, fand ich dann doch ein Bild, das mich erstaunte. Es war ein Stillleben, das so real gezeichnet war, dass es ein Foto aus heutiger Zeit hätte sein können. Selbst aus der Nähe (so nah man eben in einem Museum kommt) betrachtet hätte ich es nicht ohne weiteres als gemalt erkennen können.

Mit dem Mathestudium entdeckte ich die projektive Geometrie – und damit auch die Malerei wieder. Denn die gezeichnete Räumlichkeit konnte man mathematisch beschreiben. Und als ich dann noch die absurden Spielereien von Escher fand (die Treppe, die immer aufwärts geht bzw. der immer abwärts fließende Wasserfall), hatte ich wieder ein echtes Interesse an der Malerei.

Und vor einigen Tagen wurde ich dann auf ein Plakat aufmerksam, das eine Ausstellung zu Illusion und Wirklichkeit in der Kunst ankündigte. Gestern habe ich mir diese Ausstellung angeschaut und ich bin begeistert. Auch wenn ich Bilder von Escher darin erwartet hatte, so zeigten die Bilder, die ich dort gesehen hatte, einige nette Täuschungen. Zunächst einmal gehörten die Bilder zu den sogenannten „Trompe l’oeil“. Diese geben Räumlichkeit und damit Realität vor, wo aber keine existiert. Im Gegensatz zu Escher, dessen Absurdität noch im Bild erkennbar ist.

In dieser Ausstellung trifft man auf Stillleben, die real aussehen, weil sie Tiefe vortäuschen. Auch faule Stellen und unterschiedliche Reife des Obstes tragen zu diesem Eindruck bei. Nebenbei bemerkt: ein Maler, Xeuxis, zeichnete mal Weintrauben so real, dass selbst die Vögel diese essen wollten. Der danebengemalte Junge war absichtlich nicht realistisch gezeichnet, damit sich die Vögel nicht vor ihm erschrecken sollten.
Auch Tiere wurden, zwecks genauester Untersuchung, häufig zum Thema eines Bildes oder eines Tintenfasses. Und schon in Pompeji wurden Mosaikbilder von Tieren angefertigt und diese mit Glanzspuren versehen, damit sie plastisch wirkten.
Da ein bloßes Nachmalen berühmter Werke einen Künstler nicht berühmt macht, musste dieser das ursprüngliche Bild noch „verbessern“, indem er das Bild als eines von vielen Gegenständen in einem anderen Bild platzierte (sogenannte Quodlibets) oder es so zeichnete, als ob es hinter einer zerbrochenen Glasscheibe liegt. Ergänzt wurden solche Bilder durch weiße Bilder, auf denen nur diese zerbrochene Glasscheibe zu erkennen ist. Überhaupt waren diese Bilder für mich am eindrucksvollsten, da sie nur durch den Schatten wirkten. Das geschah auch, um die Überlegenheit der Malerei gegenüber der Bildhauerei zu demonstrieren, wie die beiden Bilder, die wie Reliefs aussahen, aber nur gemalt waren.

Eindrucksvoll waren die Bilder für mich, auch ohne auf einzelne Pinselstriche zu achten. Dafür habe ich ein wenig die Bedeutung einzelner Objekte im Bild erkennen können. Vielleicht wird das mein Zugang zur Malerei?

Zu finden ist diese Ausstellung im Bucerius Kunst Forum, direkt neben dem Hamburger Rathaus. Eintritt: 7€ für Erwachsene.

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