Das konnte doch keiner ahnen!

Als das Unglück von Tschernobyl geschah, war ich noch zu jung, um zu das zu begreifen. Irgendwann drang zu mir durch, dass man keine deutschen Pilze essen sollte. Doch eine Erklärung dafür erhielt ich nicht. Aus heutiger Sicht erscheint es mir immer noch unvorstellbar, dass aus einem Ort, der knappe 1400 km von meinem Heimatort entfernt ist, eine Katastrophe noch Auswirkungen haben kann.

Gerade das lässt aber erahnen, um wieviel es schlimmer kommen kann, wenn ein Super-GAU hier quasi vor der Tür passiert. Tatsächlich gibt es hier immer noch zwei in Frage kommende AKW, Brokdorf im Nordwesten und Krümmel im Südosten von Hamburg, für jede Windrichtung ist gesorgt. Immerhin sind Stade und Brunsbüttel, nach einigen Zwischenfällen, stillgelegt.

Als Jugendliche haben mich die Bücher von Gudrun Pausewang („Die Wolke“ und „Die letzten Kinder von Schewenborn“) fasziniert, aber auch schockiert. Hier habe ich als Leser hautnah miterlebt, welche Auswirkungen die radioaktive Strahlung auf den Menschen und seine Umgebung hat – nicht nur, dass man keine Pilze aus der Region essen darf. Im Physikunterricht erfuhr ich dann, dass die radioaktive Strahlung mehr durchdringt und sich schlechter als andere Stoffe aufhalten lässt.

So, und nun zum aktuellen Geschehen. Japan haben gleich mehrere Katastrophen heimgesucht: zuerst ein starkes Erdbeben mit vielen kaum weniger starken Nachbeben, dann ein Tsunami, in dessen Folge ein Atomreaktor beschädigt wurde und es zu einer Kernschmelze gekommen ist (wobei letzteres noch nicht ganz sicher ist). Der Ort, in dem dieser Reaktor steht, heißt Fukushima und ist knapp 9000 km von Hamburg entfernt, also viel weiter als Tschernobyl. Die Auswirkungen auf Deutschland sollten also eigentlich gering sein. Oder?

Mich macht es heute wütend, wenn ich darüber lese, dass seitens der japanischen Regierung kaum weiterführende Informationen kommen, außer dass es eine Explosion gegeben hat (die man übrigens bei der BBC sehen kann, also kaum verheimlicht werden kann). Was passiert da aktuell? Welche Werte werden gemessen? In welcher Höhe? Welche Auswirkungen vermutet die Regierung? Klar, man möchte nicht unbedingt Panik verursachen, wenn sich das Problem als halb so schlimm herausstellen sollte. Fakt ist aber, dass es die Explosion gegeben hat.

Und nun denke ich mir die verschiedenen Szenarios: Was, wenn die Wolke auf dem Pazifik niederregnet? Wird sich die Strahlung im Wasser verteilen und dann irgendwann an unsere Ufer schwappen? Wie viele Tiere werden betroffen sein, die später von Fischer geangelt auf unseren Tischen womöglich landen? Welche Reste an Strahlung werden vielleicht in ein oder zwei Monaten auf uns niederregnen? Was, wenn in weiteren Reaktoren der Super-GAU eintritt?

An solche Szenarios werden aber nicht weitergedacht. Sie können gar nicht weitergedacht werden, weil keiner weiß, was tatsächlich eintreten wird und welche Auswirkungen das haben wird. Doch gerade weil durch solche Schäden sehr viele Menschen ums Leben kommen oder mit langwierigen Folgen zu kämpfen haben, finde ich es unverantwortlich, solche Kraftwerke weiterhin am Laufen zu halten oder sogar zu bauen. Und erst recht nicht, auch noch öffentlich zu behaupten, unsere AKW seien sicher. Das sind sie nicht und das werden sie auch nie sein. Wir können nur hoffe, dass uns nicht eine unvorhergesehene Katastrophe wie eine Windhose oder eine Sturmflut so überrascht, dass in Brokdorf eine Kernschmelze abläuft. Mit der Millionenstadt Hamburg daneben wäre die Kacke ganz schön am dampfen.

Und dann stellt sich die Bundeskanzlerin hin und meint: „Wir wissen, wie sicher unsere Kraftwerke sind.“ Später wird es dann heißen: „Das konnte doch keiner ahnen!“

Eine Antwort zu Das konnte doch keiner ahnen!

  1. […] gefährdet eigentlich Hamburg ist. Über die rund um Hamburg verteilten Kraftwerke macht sich auch Bloggerin Jessica in ihrem „Schwamm drüber“-Blog Gedanken und merkt zynisch an: „Für jede Windrichtung ist gesorgt.“ Die taz zeichnet […]

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