Frankreich und die Schule

Samstag, 19. Mai 2012

Spiegel Online titelte heute: „Sozialisten in Frankreich planen 5-Tage-Woche für Schüler – Minister will Schülern freien Tag schenken“. Der spendable Politiker heißt Vincent Peillon, ist selbst Lehrer und wurde diese Woche von François Hollande zum französischen Bildungsminister ernannt.

Eine 5-Tage-Woche klingt zunächst typisch deutsch, ist sie aber nicht. Zur französischen Schulwoche gehört nämlich überlicherweise der Samstag dazu. Der normale Schultag eines Achtklässlers besteht aus vier langen Tagen mit Unterricht von 8 bis 17 Uhr, das entspricht 7 Unterrichtsstunden à 55 Minuten, und einem kurzen Tag, üblicherweise Mittwoch oder Samstag, mit Unterricht von 8 bis 12 Uhr, das entspricht 4 Stunden Unterricht. Darin enthalten sind allerdings auch mehrere Stunden sog. permanence, d.h. freies Arbeiten unter Aufsicht eines pion (das ist meist ein Student, der sich so ein paar Euros verdient, also nicht unbedingt eine pädagogische Fachkraft).

Aber auch an den Grundschulen, den écoles primaires, ist Nachmittagsunterricht in Frankreich nicht ungewöhnlich. Seit hier die 4-Tage-Woche gilt (seit 2008), haben französische Grundschüler montags, dienstags, donnerstags und freitags von 8.30 bis 16.30 Uhr Unterricht, mit zwei Stunden Mittagspause. Davor hatten sie jeden Samstag einen halben Tag Unterricht. An dem Nachmittagsunterricht setzt Peillon an. Denn lernpsychologisch ist ein geballter Unterricht nicht gut, gleichmäßig über die Woche verteilter Unterricht wäre besser. Daher setzt er sich für die 5-Tage-Woche ein. Doch er will es den Schulen überlassen, ob dafür der Mittwoch oder der Samstag Vormittag genutzt wird. Überzeugend soll auch das Argument sein, dass französische Schüler nur an 144 Tagen im Jahr Unterricht haben, alle anderen Länder mindestens 40 Tage mehr.

Nun ja, das zweite Argument folgt aus dem ersten: bei 144 Unterrichtstagen im Jahr haben die Schüler 144:4=36 Wochen Unterricht. Ein deutscher Schüler kommt bei 6 Wochen Sommer-, je 2 Wochen Frühjahrs-, Herbst- und Weihnachtsferien und diversen Feiertagen auf etwa 13 Wochen Ferien und damit auf 39 Wochen Unterrichtswochen. Damit ist kein allzu großer Unterschied erkennbar. Achja, Pieillon möchte zusätzlich noch zwei Wochen Sommerferien streichen, dadurch hätte ein französischer Schüler 38 Wochen Unterricht. Folglich hat ein französischer Schüler gleich viel Unterricht, nur an weniger Tagen.

Doch viele Eltern sind mit der 5-Tage-Woche nicht einverstanden. In den letzten Jahren konnten sie die Wochenenden ungestört mit ihren Kindern verbringen. Der Mittwoch konnte für Hobbys genutzt werden. Auch Scheidungskinder profitierten von dem freien Tag, da sie dafür das Wochenende für das andere Elternteil zur Verfügung hatten. Und wenn die Grundschüler etwas früher Schluss haben, wer betreut sie dann, bis die Eltern von der Arbeit zurückkommen?

Von der anderen Seite betrachtet, welcher deutsche Grundschüler könnte sich vorstellen, jeden Tag bis 16.30 Uhr in der Schule zu bleiben, um danach noch Hausaufgaben zu machen, nur um einen freien Tag in der Woche zu haben? Und würden deutsche Lehrer dann den Mittwoch als Fortbildungs- und Konferenztag nutzen?

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Sarkozy und die Lehrer

Donnerstag, 1. März 2012

Sarkozy geht im Wahlkampf um die Präsidentschaft gegen die Lehrer los. Er schlägt vor, dass Lehrer, die freiwillig 26 statt 18 Stunden arbeiten unterrichten, 25% mehr Gehalt bekommen sollen. Da könnte ja der deutsche Lehrer sagen, dass es endlich Gerechtigkeit in der Unterichtsverteilung gibt, der ja auch 23 und mehr Stunden unterrichtet.

Die Sache hat aber zwei Haken:

  1. 8 Stunden mehr unterrichten entspricht einer Erhöhung der Unterrichtsstundenzahl um 44,4%, also deutlich über der Gehaltserhöhung.
  2. Eine französische Unterrichtsstunde entspricht 55 Minuten, eine deutsche nur 45 Minuten. Ein französischer Lehrer mit einer Unterrichtsverpflichtung von 18 Stunden unterrichtet also 990 Minuten, ein deutscher Gymnasiallehrer in Niedersachsen bei einer Unterrichtsverpflichtung von 23,5 Stunden 1057,5 Minuten, d.h. gerade mal eine Stunde mehr. Die Erhöhung um 8 französische Unterrichtsstunden entspricht übrigens einer Erhöhung um fast 10 deutsche Unterrichtsstunden.

Traurig, wenn das Bild vom faulen Lehrer, der nur ein bisschen unterrichtet, in den Wahlkampf hineingetragen wird.


Frankreich und die AKWs

Montag, 12. September 2011

Heute ist es in Frankreich in einem stillgelegten Kernkraftwerk in der Nähe von Avignon zu einem „Störfall“ gekommen. Die Twitter-Meldungen überschlagen sich, die Betreiber melden, es sei keine Strahlung entwichen, die Tagesschau ist da vorsichtiger und hält sich alle Optionen offen gibt die Mitteilung im Konjunktiv wider.
Und dabei hatte man doch vor ein paar Tagen in Frankreich über einen Atomausstieg nachgedacht. Zeit für einen kleinen Überblick über die Kernkraftwerke in Frankreich und Deutschland. Es geht mir dabei nicht um vollständige wissenschaftliche Korrektheit, sondern um einen Eindruck von den Verhältnissen zur Atomenergie in diesen ländern. Daher begnüge ich mich hier mit dem Wikipedia-Artikel „Liste der Kernkraftwerke“ als Grundlage.

Weltweit gibt es 212 Kernkraftwerke mit 432 Reaktorblöcken. Davon sind 93 Kernkraftwerke mit 196 Reaktorblöcken in Europa in Betrieb.
Deutschland betreibt 12 Kernkraftwerke mit 17 Reaktorblöcken, Frankreich immerhin 20 Kernkraftwerke mit 59 Reaktorblöcken. Nur die USA betreiben mehr Kernkraftwerke (65 mit 104 Reaktorblöcken). Und auch bei der weltweiten jährlichen Stromerzeugung durch Kernenergie liegt Frankreich an zweiter Stelle.

Bezieht man die Fläche des Landes mit ein, so ergibt das
– für Deutschland 1 KKW je 30.000 km²
– für Frankreich 1 KKW je 27.000 km²
– für die USA 1 KKW je 148.000 km² (wobei sich hier fast alle KKWs auf der Ostseite konzentrieren; wenn man dies berücksichtigt, erhält man 1 KKW je 74.000 km²)

Woraus man deutlich erkennen kann, wie stark sich die Kernkraftwerke in Frankreich ballen.
Gerade deswegen befürworte ich einen Atomaustieg sehr. Vor allem, weil es ja Alternativen gibt, ohne auf Kohlekraftwerke zurückzufallen.


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